Mittwoch, 26. Oktober 2016

Ein Schäfchen erzählt von der Weide


Die zweite Nacht in Graz war ich nicht allein. Ein Osteuropäer kam in den Raum. Das erkannte ich sofort. Und was für einer. Joseph aus Slowenien, Mitte fünfzig, breiter, rundlicher Schädel, kurze Haar-und Bartstoppeln, volles Kreuz, auffälliger Bierbauch, Lederjacke, aber vergleichsweise klein. Das erste Äußere erinnerte mich an einen Motorrad-Rocker, der etwas in die Jahre gekommen ist und mir nur mit seiner Aura problemlos das Genick brechen könnte. Wie kommt dieser Hells Angel nur in dieses Hostel? Seine Augen jedoch änderten alles. Seine Augen waren die eines alten Hundes, der viel erlebt hat und müde ist, aber noch genauso treuherzig und ergeben ist. 
Nach dem ersten Schreck, sprach ich ihn an. Wir gaben uns die Hände. Nach seinem kräftigen Händedruck unterhielten wir uns über seine Vergangenheit, über die er recht bereitwillig Aussage erteilte. Joseph hörte kaum mehr auf zu erzählen. Sein massiger Körper hatte dabei etwas Gebrechliches an sich. Auch die Stimme war verwandelt. Er sprach leise und gefasst. Nur selten blickte er zu mir auf. Dann ließ er meistens eine Pause, in der ich ihm mit meinen Augen zu verstehen gab, dass ich das Gesagte verstanden habe. Mit einem Nicken drängte ich ihn dann weiter zu erzählen. Mir kam es so vor als sprach er eher mit sich selbst. Als wollte er sich seine eigene Geschichte mal ernsthaft erzählen. Er war nie Rocker oder in einer Motorrad-Gang. Joseph war selbst Schafzüchter, Schlachter, Fliesenleger, Gabelstaplerfahrer, schleppte Kisten, Baumaterialien und Technik, studierte später in Slowenien & Slowakei und besuchte Weiterbildungen in Australien, um in Österreich wichtige Abschlüsse anerkennen lassen zu können. Jetzt ist er seit 7 Jahren Head-Organizer- und Eventmanager in einer Tochterfirma eines großen Wiener Vorzeigeunternehmens für Bühnenbau und -technik. 
Wir schauten zusammen Nachrichten im TV unseres Hostelzimmers. Komisch einen Fernseher hier zu haben. Eigentlich etwas, das schwer in meinen Backpacker-Rucksack und zu meiner Reisephilosophie passt. Wir schauten Nachrichten. Damit was lief. Ablenkung, sagte er. 
Bilder flackerten über den Monitor. Und über unsere Augen. Seine trüben, meine braunen. Ich sah keine Nachrichten. Was ich sah, waren vergangene Bilder. Bilder seines Lebens. Hell, dann verblassten sie. Am Ende der 22 Uhr Nachrichten sah ich Joseph zum ersten Mal deutlich. Ich erkannte den Mann hinter der Lederjacke und den trüben Augen. 
Er zieht alle paar Tage oder Wochen durch Österreich. Seit 3 Jahren nicht mehr durch ganz Europa. Das war ihm zu stressig. Österreich halte für den ganzen Stress auch alleine her, sagte er mir. Er kennt Kaiserslautern, wo er 4 Jahre gelebt hatte und gut Deutsch gelernt hat. Den osteuropäischen Einschlag wird er aber nie wegbekommen.
Er hat keine Frau und keine Kinder. 
Auch wenn es nach den TV-Nachrichten düster im Raum war, sah ich, dass seine Augen bei Erwähnung von Familie noch trüber wurden. Von Martina hat er sich vor vielen vielen Jahren einvernehmlich getrennt, als er außerhalb Sloweniens angefangen hat zu arbeiten. Beide haben entschieden, dass das schnelle, große Geld dies Wert sei. Die Chance, welche verlockend war. Die Chance, welche das große Geld zäh und langsam durch harte, stumpfe Arbeit brachte und die nur ein dummer Einfaltspinsel nicht genutzt hätte. Doch dieser ist Joseph keinesfalls. Er weiß was einfältig bedeutet. Denn er kennt sein Leben. Und dies ist sein Leben: er kommt viel rum, die Kasse klingelt bei Auftritten von RedHotChiliPeppers, Rammstein und Co - in der Sommerzeit besonders gut. Er kommt oft irgendwo an, aber niemals so richtig, schläft in Hostels oder Unterkünften, die sein großer Chef ihn gönnerhaft zur Verfügung stellt. Geht früh schlafen, steht sehr früh auf. Er kommt aber nie wirklich an. Er lebt im Dazwischen; und dies macht ihm zu schaffen. 
Er möchte wieder zurück nach Slowenien, in sein Dorf, zu seinem Grund und Boden, den sein Halbruder mehr oder minder gut bewirtschaftet; und zu seinen Schafen. Das war was für ihn: Schafe weiden sehen, sie schären und sie essen. Sein Stück Land und die Schafe. Die fehlen ihm. Er möchte zurück nach Slowenien. Bald hat er so viel verdient, dass er die nächsten Jahre nur mit seinen Schafen irgendwie über die Runden kommt. Er möchte zurück. 
Zurück auch zu Martina, die er immer noch gern hat und mit der er nie zusammen sein wird. Er weiß, dass er sich verändert hat und sie wissen es beide. Sie hat ein anderes Leben. Ein Leben ohne ihn. Und er weiß, dass es gut so ist. 
Paar Jahre will er noch arbeiten, rumziehen, aufbauen, abbauen, verhandeln, anleiten, überprüfen. Dann will er wieder in sein Dorf im Westen Sloweniens zurück. Nur für den Winter nicht. Da ist es zu kalt, zu trist, zu unwirklich und zu einsam. Da könne er nicht mehr sein. Jetzt nicht mehr. Da würde man ganz komisch, vertraute er mir an.
Zeitig ging er schlafen. Als sich seine trüben Hundeaugen schlossen und schnell sein ohrenbetäubendes Schnarchen einsetzte, dachte ich wie er: Was zählt ist das Event. Nur das Konzert über die Bühne bringen. Morgen soll es trocken bleiben. Gut für den Aufbau. Gut für die Jungs. Schlechtes Wetter beim Aufbau, schlechte Stimmung bei den Jungs. Morgen soll es gute Stimmung geben. Wenn alles gelaufen ist, gehts danach wieder nach Wien zum nächsten Event. Aber nur noch ein paar Jahre. Ein paar Jahre noch. Dann höre ich auf damit. Dann geht es zurück zu meinen Schafen...
Lange dachte ich über Josephs Worte nach. Egal welches Wetter morgen sein wird. Ich hoffe, dass er seine Schafe immer ins Trockene bringen wird.


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